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Neuerscheinung: Sprachfindung von Claudia Schreiber, Köln

Drucken 04.07.2010, 19:58 Uhr, Kunst & Kultur

Basel, 1. Juli 2010, Fritz Frey, Verleger IL-Verlag, Basel/CH
Fritz Frey:
Frau Schreiber, Sie haben in unserem Verlag Ihr erstes Gedichtbändchen mit dem Titel "Sprachfindung" veröffentlicht. Wie kamen Sie zu diesem nicht gerade alltäglichen Titel?
Claudia Schreiber:
Die Sprachfindung begleitet mich, seitdem ich begonnen habe zu denken, zu reden und zu schreiben. Für mich ist Sprache wichtig, und gerade wenn man sie nicht findet, was, so denke ich, jeder von uns schon mal erlebt hat, ist es umso wichtiger, einen Weg zu finden sich mitzuteilen. Es muss nicht immer um das gesprochene Wort gehen, oder den niedergeschriebenen Satz, nicht um die Worte, die dem Handeln und Tun Gewicht verleihen, es geht darum, die eigene Sprache zu verstehen, mit Ihr eins zu sein und vielleicht, oder gerade deshalb, die Körpersprache dementsprechend auszuleben, vor allen Dingen sich selbst und dieser den Ton zu verleihen, um gesehen, erlebt und auch verstanden zu werden … sei es nur durch einen Schrei.
F. F.:
Was bedeutet für Sie Sprache im Alltag, im künstlerischen Schaffen?
C.S.:
Freiheit. Dinge auszusprechen, die mir sonst schwerfallen, die mir schwer auf der Seele liegen. Worte können vieles anrichten, aber auch vieles bewegen und berühren.
F.F.:
Was hat Sie veranlasst Lyrikerin zu werden? Mit Lyrik wird man ja nicht unbedingt gleich berühmt. Es ist ja schon ein langer und harter Weg, bis man nur einmal zur Kenntnis genommen wird. In die großen Schlagzeilen gelangt man damit kaum einmal.
C.S.:
Ich habe mich nicht bewusst entschieden. Ich schreibe, und zufällig wurde ich zur Lyrik geführt. Ich habe nicht den Anspruch, berühmt zu werden. Mich äußern können und einen Platz dafür zu finden, macht mich sehr zufrieden und glücklich. Ich finde Lyrik darf nicht sterben. Für mich ist dies die ehrlichste Ausdrucksform überhaupt. Lyrik zeichnet sich aus durch Direktheit, durch Provokation, durch Durchhaltevermögen. Sie sollte menschlich sein und bleiben. Nicht perfekt, in der modernen Lyrik nach selbst gesetzten Regeln, auch wenn jetzt einige laut widersprechen würden, aber ich denke, dadurch das Lyrik eigensinnig ist, sollte man diese wunderbare Eigenschaft auch unterstreichen. Nicht gezwungen, das überhaupt nicht, sie sollte einfach sein dürfen, wie sie ist. Ich glaube Bob Dylan sagte mal „Ein Gedicht ist wie ein nackter Mensch.“, dem schließe ich mich an.
F.F.:
Ihre künstlerische Betätigung erschöpft sich nicht im Gedichteschreiben, Sie haben sich auch schon an Kurzfilme gewagt. Wo sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Film und Gedicht?
C.S.
In meinem ersten Kurzfilm On/ Off war es mir wichtig, auf Sprache vollkommen zu verzichten. Beim Film ist mir wichtig, dass die Bilder selbst etwas erzählen, etwas erkennen lassen, den Zuschauer sein eigenes Bild erleben lassen. Ja, vielleicht, dass er seine eigenen Gedanken, also seine Sprache, durch die Bilder entwickelt. Im Moment bearbeite ich die filmische Umsetzung einiger Gedichte aus meinem Buch, ich bin gespannt wie es dieses Mal wird und was am Ende entsteht.
F.F.:
Was bedeuten für Sie die Laute der Sprache? Die Konsonanten? Die Vokale? Die Verhältnisse zwischen Konsonanten und Vokalen? Ihre Gedichte leben nicht nur von der bildhaften Aussagekraft, sondern auch von der Lautmalerei, d.h. vom Zusammenspiel zwischen Konsonant und Vokal. Das wird dem Leser Ihrer Lyrik immer wieder bewusst, wenn er die Lautmalerei in sich erklingen lässt, es ist im Erleben schon fast so etwas wie ein Übergang von der Sprache zur inneren Musik.
C.S.:
Nun ja, die Sprachlaute stehen dafür, dass sie „überwunden“ werden müssen, das bedeutet für mich, dass sie zu einem Rhythmus der Sprache führen und Sprache und Rhythmus einen Gleichklang darstellen. Dies insofern, als wenn ich schreibe, ich mich auch ein Stück weit selber überwinden muss. Nicht dass es mir schwerfällt, sondern in dem Sinne, dass ich authentisch schreibe. Ohne zu beschönigen. Das bedeutet einfach, dass ich mich innerlich vor meinen Spiegel stelle, mir in die Augen schaue und mir gegenüber ehrlich bin, in dem was ich fühle, was ich denke. Sprache ist Musik. Sprache ist taktvoll, manchmal mehr manchmal weniger, sie muss einen Herzschlag haben, sonst würde sie nicht leben.
F.F.:
Ein ganz anderer Aspekt der Sprache: Es wird immer öfter davon geredet, dass die deutsche Sprache verarmt, verflacht, nicht mehr gepflegt wird in dem Sinne, dass eben die Sprachkunst in der Gesellschaft den ihr gebührenden Stellenwert verloren hat. Erleben Sie im alltäglichen Umgang mit den Menschen diese Sprachverarmung auch? Wenn ja, was könnte dagegen unternommen werden? Wenn nein, warum denken Sie, dass immer mehr Verfechter der Sprache Goethes zu dieser Behauptung kommen?
C.S.:
Den Verfall der Sprache erlebe ich auch. Was denke ich darüber? Ich finde es schade, dass sich z.B. Kommunikation sehr digitalisiert hat, das mehr in irgendwelchen Kürzeln geschrieben wird, dass man von dem etwas romantischen Briefeschreiben weggekommen ist. Doch ich denke, da sich die Zeit schneller bewegt, als noch vor zehn Jahren, fühlen sich die Menschen gestresst. Vielleicht schwingt das auch ein bisschen mit. Es wäre gelogen, wenn ich mich davon freisprechen würde, aber wenn man von diesem Zug abspringen würde, würde sich dieser Trend auch wieder verändern. Vielleicht sollte man Litfaßsäulen mit Worten oder Sätzen wie „Rede mit mir!“ oder ähnlichem bekleistern, vielleicht würden die Menschen, die sich meist vom Visuellen leiten lassen, ein wenig darauf aufmerksam werden?
F.F.:
Sehen Sie in der Lyrik und im Rezitieren von Lyrik auch einen therapeutischen und nicht nur einen künstlerischen Wert oder sollte man sagen, dass der künstlerische Wert der Lyrik auch ihr therapeutischer Wert ist?
C.S.
Ich würde nicht direkt sagen therapeutisch, eher denke ich, dass Lyrik einen zum Nachdenken anregen soll, vielleicht auch Fragen eröffnen und sich der Leser z.B. fragt, sehe ich es auch so? Könnte ich es so sehen? Es kann auch sein, dass ein Gedicht auf völliges Unverständnis stößt. Eigentlich ist Lyrik vom Dichter aus gesehen ja sehr egoistisch, , aber vom Leser aus gesehen wird der Gedanke ja geteilt. Oder eher mitgeteilt. Und natürlich gibt es nichts Schöneres, als von einem Leser zu hören, dass ihn das geschriebene Gedicht mitgenommen, ergriffen hat, dass er damit jemandem Trost spendete oder es jemandem auch einfach 'nur' weitergeschenkt hat.
F.F.: Frau Schreiber, ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem Erstling.

Der Informationslücke-Verlag (ILV) wurde im August 2008 von Fritz Frey mit Sitz in der Schweiz/Basel-Stadt gegründet.

Das Verlagsprogramm findet seinen Schwerpunkt in philosophischen, pädagogischen, historischen sowie gesellschaftspolitischen Werken. Darin werden Sachverhalte erläutert, die der Öffentlichkeit bislang wenig bekannt und aktuell sind.
Vor allem aber werden es solche sein, der die Gesellschaft zu wenig Beachtung schenkt. Informationslücken eben.

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Autor / Kontakt:
IL-Verlag, Basel/CH
Herr Fritz Frey
Basel
Fon: 0041613315461
Fax: 0041613330577
URL: http://www.il-verlag.com

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